Ein Deutscher In Der Türkei

von

Wolfgang Meyer

(1909 - 1981)

Verbreitung und Veröffentlichung ohne schriftliche Genehmigung nicht gestattet!

 

Bevor ich von meinen Erlebnissen in der Türkei, vor allem während meiner Internierung in Kirsehir und Corum erzähle, möchte ich berichten, wie meine Vorfahren nach Istanbul gekommen sind.

Mein Grossvater war als Hofuhrmacher bei dem Sultan Abdul-Hamit II. beamtet und machte sich 1878 selbständig, indem er ein Uhrengeschäft gegenüber dem Ausgang der Untergrundbahn in Galata eröffnete. Er wird sicherlich (wie viele deutschen Handwerker) ins Land gerufen worden sein, so wie mir auch noch ein deutscher Gärtner, ein Buchdrucker und ein Tischler namentlich aus dieser Zeit bekannt sind.

Mein Vater heiratete in Istanbul die Tochter eines Lindauers, der hier mit der Aufstellung des Kaiserbrunnens beauftragt worden war. Kaiser Wilhelm II: hatte diesen Brunnen gestiftet, der während des ersten Kaiserbesuches in Istanbul im Jahre 1889 eingeweiht wurde. Mein Vater und meine Mutter lebten auch ständig in Istanbul mit einer kurzen Unterbrechung während der Jahre 1919 bis 1923, in denen alle Deutschen ausgewiesen wurden, nachdem Istanbul von den Siegern des ersten Weltkrieges besetzt worden war. Nach dem Tode meines Vaters übernahm ich das Geschäft und führte es weiter. Diese Tätigkeit wurde nur durch die am Ende des Zweiten Weltkrieges am 23.08.1944 erfolgte Internierung in Kirsehir, das im Herzen Anatoliens liegt, unterbrochen. Am 22.12.1945 konnte ich wieder nach Istanbul zurückkehren, um die Leitung meines Betriebes wieder aufzunehmen. Die für mich unvergesslichen Ereignisse dieser Zeit, die hier berichtet werden, mögen zum Verständnis der Gepflogenheiten, Sitten, Gebräuche und Lebensansichten der vom anatolischen Hochland kommenden Menschen beitragen und somit eine Annäherung zwischen den vielen türkischen Gastarbeitern und den Einheimischen in der Bundesrepublik erleichtern.

 

Als deutscher Uhrmacher im Lande der Sultane

 

Als Uhrmacher am Hofe Abdul Hamit II: war mein Grossvater Johann Meyer in Istanbul ansässig geworden. Er hatte die Aufgabe, im Schloss "Yildiz Sarayi" alle Uhren, die dort aufgestellt oder aufgehängt waren, zu betreuen. Aber auch die Uhren der Prinzen, Prinzessinnen und Schlossbewohner sowie der höheren Beamten, Generäle, Minister etc. oblagen seiner Obhut.

Eines Tages brachte ihm ein hoher Offizier eine Uhr mit der Bitte, diese demjenigen auszuhändigen, der sie von ihm in seinem Namen verlangen werde. "Machen Sie an der Uhr nichts, sie geht sehr gut," war seine Äusserung, mit der er sich von meinem Grossvater verabschiedete. Dies erschien meinem Grossvater etwas merkwürdig, zumal er die Uhr einige Wochen vorher gründlich repariert hatte.Es liess ihm keine Ruhe, er öffnete den hinteren Deckel der Uhr, heraus fiel ein rundes Stück Papier, auf dem unleserlich etwas geschrieben stand. Als er das Blatt gegen das Licht hielt, konnte er erkennen, dass es in Spiegelschrift beschrieben war. Dies reizte ihn nun umso mehr. So machte er sich an die Entzifferung dieses mysteriösen Zettels. Er las: "Mit dieser Uhr stell die Zeitbombe auf 2 Stunden 38 Minuten ein und hinterlege alles an dem dir bekannten Platz am Freitag um 4 Uhr. "Wie sollte mein Grossvater nun reagieren?" Lieferte er die Uhr aus, machte er sich an einem Attentat mitschuldig. Lieferte er sie nicht aus, konnte es für ihn und seine Familie zu einem Verhängnis werden. Ihm blieb nur eine Wahl: Er beendete seine Arbeit, sammelte seine Werkzeuge ein und verliess für immer seine Tätigkeit im Schloss. Alle ihm anvertrauten Uhren übergab er seinem Vorgesetzten mit der Bemerkung, er sei erkrankt. Er liess sich nun als Uhrmacher in der Stadt nieder und gründete 1878 unser Uhrengeschäft.

Zu dieser Zeit wurde in Istanbul die Untergrundbahn gebaut, die heute noch den Stadtteil Karaköy mit Beyoglu verbindet. Mein Grossvater erfuhr, dass man wegen des Grundwassers, da beim Ausschachten aufgetreten war, eine Holzbaracke als Eingang zum zukünftigen Tunnel errichten wollte. Dieser Baracke gegenüber mietete er ein kleines Geschäft in der Hoffnung, dass die Fahrgäste der Untergrundbahn auf den Uhrmacher aufmerksam würden und er genügend Uhrenreparaturen haben würde, um leben zu können. Die Eröffnung unseres Geschäftes erfolgte in aller Stille am 1.5.1878. Die Hoffnungen erfüllten sich, es kamen genügend Kunden, so dass der Lebensunterhalt gesichert war. 1906 trat dann mein Vater, nachdem er in Berlin seine Uhrmacherlehre beendet hatte, in die Firma ein. Mein Grossvater starb 1921. Da sich im Laufe der Jahre der Kundenkreis ziemlich erweitert hatte und mehre Mitarbeiter beschäftigt werden mussten, wurde eine Entlastung meines Vaters erforderlich. So begann ich im Jahre 1933 nach meiner Ausbildung, neben meinem Vater im Geschäft zu arbeiten.

Neben der abwechslungsreichen handwerklichen Tätigkeit als Uhrmacher erfreuten wir uns so mancher Besuche prominenter Persönlichkeiten, die nicht nur ihre Uhren reparieren liessen, sonder auch gern bei einer Tasse Kaffee sich zu Gesprächen bei uns aufhielten, so z.B. Yusuf Bey, der Justizminister Atatürks, Botschafter, auch oft und gern unsere deutschen Botschafter Herr Nadolny und Herr von Papen, und an manchen Sonnabenden sogar Msgr. Roncalli, der spätere Past Johannes XXIII.

 

So mancherlei Episoden ereigneten sich im Laufe der Jahre in unserem Geschäft. Zwei davon werden mir immer unvergessen bleiben, und zwar die eine wegen der uns fremden Mentalität des Gastlandes und die andere wegen eines Beispiels von Menschlichkeit. Eines Morgens betrat ein hochgewachsener kräftiger Mann mit schwarzem Haar und langem Schnurrbart das Geschäft und legte eine Reparaturkarte vor. Mein Vater betrachtete diese und sagte mir, ich solle ihm das Reparaturbuch vom Jahre 1926 bringen. Er schlug die Seite der Eintragungen auf und liess sich von dem Kunden den Namen sagen. "Mehmet" stimmte mit dem Buch überein. "Da die Uhr vor 18 Jahren zur Reparatur abgegeben geworden ist, liegt sie bei uns im Safe", erklärte mein Vater und forderte den Kunden auf, Platz zu nehmen, bis wir die Uhr herausgesucht hätten. Der grosse Mann blieb aber ruhig stehen und bewegte sich nicht. Ich wurde vom Vater beauftragt, aus dem untersten Safe die Uhr herauszunehmen. Es war eine silberne Schlüsseltaschenuhr, wie sie die Bauern Ostanatoliens an langen Ketten trugen. Das Gehäuse war durch das lange Lagern oxydiert. Als mich mein Vater aufforderte, das Gehäuse aufzupolieren, winkte der Kunde ab und bestand darauf, die Uhr, so wie sie sei, mitzunehmen. Sie wurde aufgezogen und gestellt. Zu unserer Überraschung fing sie an gleich zu ticken. Der Mann fragte uns, was er zu bezahlen hätte. Mein Vater antwortete ihm: "Was auf dem Zettel steht: "Türk Lira 3.-." Der Kunde legte nun das Geld auf den Tisch, nahm die Uhr und führte sie zum Ohr, um sie ticken zu hören, dann steckte er sie in seine Westentasche, lächelte und bemerkte: "Wenigstens ein Andenken." Darauf fragte ihn mein Vater, warum er die Uhr denn 18 Jahre hiergelassen hätte. Der Riese verzog keine Miene und erklärte:"Heute morgen wurde ich nach 18jähriger Haft freigelassen, weil ich den Besitzer dieser Uhr aus Familienehre ermorden musste, nun trage ich seine Uhr als Andenken." Er öffnete die Tür und ging ohne einen Gruss hinaus. Mein Vater wandte sich zu mir und meinte: "Blutrache, so etwas gibt es also auch noch."

 

Eines Tages kam unser Hausherr, ein älterer, einfach gekleideter Mann, ins Geschäft. Er gehört zu einer der in der Stadt zahlreichen sehr wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilien. Lange Jahre hindurch führte er eine grosse Papierhandlung unweit unseres Ladens. Er holte immer in den ersten Monatstagen den Mietzins ab. Diesmal kam er aber, wie er vorher sagte, um mit mir zu sprechen. Er bat mich: "Komm vor die Tür, dann sage ich Dir, was ich von Dir will." Vor der Geschäftstür gab er mir, zusammengerollt, Geld in die Hand mit dem Bemerken: "Genau hinter Deinem Geschäft ist der Laden des Eisenhändlers Malkasyan, du kennst ihn ja, gib ihm dieses Geld, es sind TL 400.-." Er führte noch den Zeigefinger zum Mund und ging fort. Ich lief um die Ecke zu diesem Geschäftsmann und richtete ihm aus: "Herr Benzonana hat mir das für sie gegeben." "Benonzonana?" fragte er und blickte mich erstaunt an, "unmöglich". Zurück im Geschäft hatte ich zunächst vollauf mit den Kunden zu tun, so dass die Angelegenheit für einige Zeit vergessen war. Am Nachmittag gegen 4 Uhr kam Herr Malkasyan zu uns ins Geschäft, um sich zu bedanken. Er erklärte uns, dass er seit längerer Zeit seine Ware nicht mehr verkaufen könne, weil billiges Baueisen eingeführt worden sei. Er aber müsse deshalb mit Verlust verkaufen, um das zu erhalten, was er unbedingt zum Leben benötige. Seit einem Jahr habe er daher seinen Mietzins nicht bezahlt und Herrn Benzonana um Stundung gebeten. Der Laden gehöre aber nicht nur Herrn Benzonana, sondern mehreren Angehörigen der grossen Familie. Diese hätten, um den Mietzins zu erhalten, gegen den Willen von Herrn Benzonana mit Pfändung gedroht. Tatsächlich waren auch kurz vor 4 Uhr die Pfändungsbeamten in sein Geschäft gekommen und hatten für einen Betrag von TL 400.- Ware sicherstellen wollen. Malkasyan hatte darauf den Beamten das von mir überbrachte Geld gegeben und war seine Pfändung los. Gleich war er zu uns gekommen, um dies zu berichten. Er schloss mit den Worten: "Diese Krise, die ich jetzt durchmache, wird sicherlich bald überstanden sein. Vom ersten Geld werde ich dem verständnisvollen Geschäftsmann, Herrn Benzonana, meine Schuld zurückzahlen. Währen doch seine Mitbesitzer auch so brave Menschen sind wie er!"

 

Mehrere Monate später kam Herr Benzonana in unser Geschäft, um den Mietzins abzuholen. Mein Vater war gerade nicht anwesend, so gab ich ihm das Geld und frage ihn, ob die Angelegenheit mit Malkasyan erledigt sei. Er blickte mich ernst an und sagte: "Du solltest doch schweigen; aber nachdem Du unter vier Augen fragst, wisse, das mir Malkasyan nach 6 Monaten eine Kristallschale geschickt hat, in der unter frischem Obst die TL 400.- lagen." Beim Weggehen ermahnte er mich. "Mein Sohn, tue Gutes, es lohnt sich immer!"